Industrie 4.0 – Wichtig? Richtig? Oder vielleicht gar nicht das Thema?

Jedes Jahr im März schaut die IT-Welt nach Hannover und findet sich zur – immer noch – größten Branchenschau weltweit zusammen. Die Berichterstattung über das Event hat auch immer etwas Richtungsweisendes bzw. thematisiert zwischen den Zeilen oftmals unterliegende Problematiken, die von Hype-Themen lautstark überdeckt werden.

Diesjährige Themen waren vor allem Digitalisierung, Internet of Things und…… Industrie 4.0.

Im alltäglichen Sprachgebrauch verwendet man diese Begrifflichkeiten jedoch ohne zu hinterfragen, was eigentlich dahintersteckt, bzw., wie sie sich gebildet haben.

So lassen sich die Begriffe sogar in eine Hierarchie einordnen, wenn man will:

Digitalisierung ist das übergreifende Thema,
das Internet of Things ein Folgeeffekt dessen
und die Industrie 4.0 ist EINE konkrete Ausprägung des Internet of Things 
(nämlich die industrielle Anwendung von miteinander kommunizierenden Komponenten)

Für eine interessante, amüsante und denkwürdige Definition verweise ich geneigte Leser auf: http://wirtschaftslexikon.gabler.de/Definition/industrie-4-0.html

 

Speziell in Deutschland wird vorrangig das Thema Industrie 4.0 penetriert.

Das ist irgendwie verständlich, denn wir sind ja eine der größten „Industrienationen“. Aber ist der Ansatz „Industrie 4.0“ eigentlich hilfreich, um den aus dem viel wichtigeren Thema, der „Digitalisierung“, entstehenden Notwendigkeiten zu begegnen?

Ich glaube nein, er ist sogar hinderlich und fast schon bedrohlich.

Während nämlich die Digitalisierung eine Bewegung beschreibt, die faktisch schon stattfindet, ist Industrie 4.0 bloß eine Fiktion, die nicht einmal einheitlich, geschweige denn irgendwie akzeptiert ist.

Frei nach dem Motto „Wenn man nicht mehr weiter weiß, bildet man einen Arbeitskreis“, wurde von Politik und Großunternehmen im Rahmen einer Arbeitsgruppe das Thema Industrie 4.0 seiner aktuellen Form „erfunden“, ohne die tatsächlichen Bedarfe und Konsequenzen, oder auch nur die oben genannte Kausalkette, ausreichend in die Überlegungen mit einzubeziehen.

Sehr schnell wurde der Fokus auf die „Industrie“ verengt. Aber wird Deutschland eigentlich in Zukunft noch eine der top Industrienationen sein können? Wird „Industrie“ im Sinne der Herstellung physischer Güter zukünftig noch die gleiche Rolle spielen? Oder liegen die Potenziale für zukünftiges Wachstum, oder sogar nur den Erhalt unseres Status quo in völlig neuen Segmenten, in denen Deutschland leider nur eine völlig untergeordnete Rolle spielt (Software Industrie, Cloud Services, markterschaffende Innovationen im weitesten Sinn.)?

Schaut man sich an dieser Stelle einmal die Mitgliederliste des Arbeitskreis Industrie 4.0 aufmerksam an, so stellt man fest, dass der Mitgliederkreis sich vor allem aus etablierten Unternehmen der Montan- und Automobilindustrie, bzw. Zulieferern rekrutiert und nur ein Softwareunternehmen als Mitglied stellt.

In Verbindung mit diesem Post hilft an dieser Stelle wieder einmal Albert Einstein bei der Veranschaulichung:

„Probleme kann man niemals mit derselben Denkweise lösen, durch die sie entstanden sind.“

Des Weiteren erinnern mich die Vorgehensweise und die Entstehung von Industrie 4.0 an das geniale Werk von Douglas Adam „Per Anhalter durch die Galaxis“.

In Kürze: Es soll ein Computer gebaut werden, um eine Antwort auf die Frage aller Fragen zu finden. Nach 7,5 Millionen Jahren Rechenzeit hat er das Ergebnis nun erhalten und es lautet „42“. Er weist selbst darauf hin, dass die Antwort vermutlich etwas unbefriedigend ist und, dass die Frage einfach nicht ausreichend Präzise gestellt wurde.

Für eine etwas umfassendere Zusammenfassung verweise ich auf: https://de.wikipedia.org/wiki/42_(Antwort)

Setzt man das nun in den Kontext von „Industrie 4.0“, muss der Schluss gezogen werden, dass wir uns nicht ausreichend mit der zugrundeliegenden Fragestellung beschäftigt haben, um eine qualifizierte Antwort zu erlangen. Schaut man sich den Beteiligtenkreis an, der mit der Erörterung der Problematik betraut wurde (Personen aus Industrien, die sich vorwiegend mit erhaltenden und effizenzsteigernden Innovationen beschäftigen) und hinterfragt dies vor dem Hintergrund des Einstein-Zitates, dann muss man zu folgenden Erkenntnissen gelangen:

– Industrie 4.0 ist nicht das Problem, sondern die Digitalisierung und ihre Folgen
– Lösungen sind vermutlich nicht nur im industriellen Bereich zu finden
– Der Adressatenkreis zur Lösung der Herausforderungen ist falsch gewählt

In der Konsequenz sollten solche Unternehmen mit der Lösung zukünftiger Aufgaben betraut und gefördert werden, die noch nicht „satt“ sind, sondern noch den Antrieb haben, etwas zu erschaffen – und das sind vor allem neue und kleine, aber auch mittelständische Unternehmen.

Um dies zu ermöglichen, gilt es aber auch, dass wirtschaftspolitische Entscheidungen anders gefällt werden müssen.

Bedrohlicher als alles andere ist deshalb die Situation, die Jürgen Diercks in seinem Markt+Trends Artikel der letzten iX-Ausgabe beschreibt:

„Vor allem der Mittelstand […] macht nicht zufriedenstellend mit. Das hat Gründe: Keine Kohle, Keine Fachkräfte, keine Ahnung“.

Der Mittelstand lagert demnach die „Digitalisierung“ einfach aus. Das ist bedrohlich. Wie sollen neue Dienste und Produkte entstehen, die unsere Exitenz auch dann sicherstellen, wenn uns die klassische „Cash-Cow“  – die Automobilindustrie –  und das damit zusammenhängende Ökosystem irgendwann wegbrechen?

Dass dies nicht so unwahrscheinlich ist, zeigt der VW Skandal. Die mittlerweile so hohe Geldsumme für Strafzahlungen macht evident, dass auch unsere Big Player keinesfalls „to-big-to-fail“ sind.

Die Politik täte also gut daran, die Gründe, aus denen der Mittelstand und neue Unternehmen nicht schnell genug im internationalen Vergleich innovativ werden, zu beseitigen.

Das heißt in erster Linie, ihnen zu ermöglichen, wieder ertragstark zu werden, um ausreichend Geld für die Investition in Innovationen zu erlangen und so langfristig solide finanziert zu sein. Dann sind auch Rückschläge auszuhalten, ohne dass gleich die Existenz bedroht ist.

Hier hat der Staat mehrere Ansatzpunkte. Mit dem Verweis auf den Artikel von Clayton Christensen „The Capitalists Dilemma“, ergeben sich automatisch mögliche Handlungsempfehlungen. Es ist mehr als genug Kapital vorhanden, es wird nur nicht investiert. Ziel einer Wirtschaftspolitik muss es sein, dieses Kapital dem Wirtschaftskreislauf in sinnvoller Weise zuzuführen. Hierzu gehören nicht nur blockierte Vermögensmassen privater Investoren, sondern auch verfügbare Mittel für die Vergabe von Darlehen und Krediten über Banken. Eines der größten Hindernisse für die Mittelvergabe müsste hier beseitigt werden (Basel II und III). Aber das ist ein anderes erschöpfendes Thema.

 

Zusammenfassend ist also zu festzuhalten

  • Wir müssen uns dem eigentlichen Problem bewusst werden, das es zu lösen gilt: Wie müssen wir uns verändern, damit aus der Digitalisierung für uns neue Produkte, Dienste und Wachstum für die Zukunft entsteht?

  • Der Personenkreis, der sich damit auseinandersetzt darf nicht nur aus Personen des „Establishments“ kommen, sondern aus den kleinen, agilen, kreativen Zellen

  • Die Finanzierung dieser Einheiten muss nachhaltig – auch durch wirtschaftspolitische Entscheidungen – sichergestellt werden, damit Risikomanagement nicht Innovationsresistenz zur Folge hat.

  • Less Planning, more execution: Die Herausforderungen lassen sich nicht durch lange Planung, Analysen und Forschung bewältigen, sondern müssen adaptiv, on the go adressiert und behoben werden – und dafür benötigt man kleine, unabhängige Einheiten.

 

Literaturverzeichnis

Christensen, Clayton M.; Van Bever, Derek: „The Capitalist’s Dilemma“, Harvard Business Review, Ausgabe Juni 2014

Diercks, Jürgen: „Druck im Kessel: CeBIT 2016: Digitalisierung heilt alles“, iX 4/2016, Seite 7, Messe – Markt + Trends

Plattform Industrie 4.0: http://www.plattform-i40.de/I40/Navigation/DE/Home/home.html;jsessionid=62D06D0CAADFE5306C5C2E3D368D950C

Meet The Author

Managing Director at roqsta digital transformation experts

Leave Comment

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.